
Ein Interview im Sitzsack. Na ja, auf dem Sitzsack. Schwierig genug, sich da zu halten, als würde sich die Füllung eben nicht sekündlich nach vorne verabschieden, und als würde man eben nicht mit jedem Wort immer mehr zusammenschrumpfen. Macht aber eigentlich auch nichts, denn Markus Daun sitzt da, malt während des gesamten Gesprächs ein Bild für seine Tochter und erzählt. Dabei ist er so entspannt und gewitzt, dass der wachsende Höhenunterschied zwischen Interviewer und Interviewtem keine Rolle spielt – zumindest gibt er dem Interviewer das Gefühl.
Markus Daun (29) ist Profifußballer, den es sehr früh zurück in die Heimat gezogen hat, weil er eine starke Verbundenheit spürt und lebt. Im Interview mit playersTALK spricht er über Herzblut, das Aufzeigen von Alternativen und warum er lieber in den Kindergarten gegangen wäre, als nach Amerika.
playersTalk: Hallo Markus Daun, herzlich Willkommen bei playersTALK!
Markus Daun: Hallo, vielen Dank!
PT: Wie du weißt, versuchen wir Themen anzusprechen, die in erster Linie nichts mit deinem Beruf zu tun haben, die aber natürlich das Leben, das du als Profisportler führst, tangieren. Und umgekehrt, denn schließlich dürfte der Fußball dich schon früh beeinflusst haben…
MD: …richtig. Ich bin mit 14 Jahren von meinem Dorfverein (Germania Dürwiß, Anm. d. Red.) zu Bayer Leverkusen gegangen, zeitgleich mit einem Kumpel von mir. Ein bosnischer Flüchtling, dessen Onkel ihn damals bei Kriegsausbruch quasi vom Spielen weggeholt und mit nach Deutschland genommen hatte, ohne dass seine Eltern zunächst davon wussten. Hier angekommen brauchte er natürlich auch einen Job, und da hat man das damals mit dem Hobby seines Neffen verbunden und ihn zum Fahrer zwischen Leverkusen und Aachen gemacht. Täglich, ob Training oder Spiel. Der Kumpel von damals spielt übrigens mittlerweile auch noch in der 2. Bundesliga.
PT: Dann bist du 2002 zur Alemannia nach Aachen ausgeliehen worden, was eigentlich ja keine Heimkehr war, da du ja im Grunde nie weg sondern im Gegenteil lange zuhause warst.
MD: Ja, das war auch wichtig für mich. Man sieht es ja heutzutage: Es gibt die Auflage des DFB, Fußballinternate einzurichten, was es damals noch nicht verpflichtend gab. Das war perfekt für mich, da ich so den schulischen Weg, den ich letztendlich mit dem Fachabitur abgeschlossen habe, auch wirklich gehen konnte. Einfach war das natürlich nicht, ich habe oft gefehlt, hatte meist etwas anderes im Kopf. Weil ich aber zuhause war, habe ich allein schon vom familiären Umfeld her genug Fokus auf das Fachabi gelegt bekommen, um es ordentlich abzuschließen. Bis dahin habe ich zumeist noch bei meiner Mutter gewohnt, obwohl ich später auch in Leverkusen eine Wohnung hatte. Da habe ich aber nur übernachtet, wenn es morgens ganz früh raus ging. Lange genug zuhause zu bleiben, war für mich der richtige Weg, denke ich.
PT: War dir das mit der schulischen Ausbildung denn damals schon so klar oder kam da auch viel von deinen Eltern?
MD: Als Junge, der in dem Alter zu einem Profiverein wechselt, hat man natürlich noch Flausen im Kopf. Warum die Schule, das mit der Profikarriere packst du doch gerade – jugendlicher Leichtsinn. Heute bin ich sehr froh, dass meine Eltern mir immer wieder mahnend auf die Finger geklopft haben und mir immer wieder vorbeteten, ich solle die Schule zu Ende machen, ich würde später davon profitieren. Das habe ich bisher zwar noch nicht, habe aber immer noch die Option. Mit Fachabi und einem einjährigen Praktikum, das ich bei Bayer gemacht habe, kann ich zum Beispiel hier in Aachen an der FH studieren. Zum jetzigen Zeitpunkt gehe ich zwar davon aus, nicht mehr zu studieren, aber es ist ein beruhigendes Gefühl zu wissen, dass die Möglichkeit immer besteht.
PT: Haben dieser Schutz und die Weitsicht deiner Eltern dich als Profisportler irgendwie beeinflusst? Also konntest du dich sportlich anders entwickeln, als wenn du nicht im familiären Umfeld aufgewachsen wärst?
MD: Schwer zu sagen. In Bremen habe ich beispielsweise mit Tim Borowski gespielt. Der hat seine komplette Jugend in Bremen verbracht, kommt aber aus Neubrandenburg, was ein paar Stunden entfernt ist. Ich glaube schon, dass ihm sein zu Hause ab und an mal gefehlt hat. Er hatte mir mal eine Haushälterin empfohlen, und ich fragte ihn, wie sie miteinander zurecht kämen. Tim sagte, sie sei seine Ersatzmama in Bremen gewesen. Er ging mit dem Sohn zur Schule und hat nachmittags teilweise bei ihnen mitgegessen. Da habe ich schon gesehen, dass es für viele junge Spieler gar nicht so einfach ist. Auf der anderen Seite wird man natürlich selbständiger, wenn einem die Familie nicht mehr so viel abnimmt. Wenn sich das die Waage hält, ist es eine gute Erfahrung, sich durchboxen zu müssen. Aber es ist wichtig, dass man sich auch mal irgendwo ausheulen kann…
PT: Deine „Reise“ führte dich mit 28 Jahren wieder in die Heimat. Du hast damals gesagt, dass, wenn man in Aachen Interesse habe, du mit keinem anderen Verein verhandeln und dich auch gerne langfristig binden würdest. War das deiner ständigen Nähe zu deiner Familie geschuldet?
MD: Als ich damals Aachen schon nach einem halben Jahr wieder verlassen habe, war das der schwierigste Abschied, den ich bisher erlebt habe, obwohl ich auch in Bremen und zuletzt Duisburg sehr schöne Jahre erlebt habe. Das ist mir so schwer gefallen, aber ich hatte die Chance, höherklassig zu spielen. Das nimmt man als Junge natürlich war. Ich habe das gemacht, um der Chance nicht irgendwann nachtrauern zu müssen. Aber Aachen und die Alemannia habe ich nie aus den Augen verloren, habe mir Spiele angeschaut, wenn ich in der Nähe war, habe Ergebnisse verfolgt. Ein besonderes Ereignis war für mich dann auch das Pokalfinale gegen Aachen, das wir ja gewonnen haben. Und danach bin ich trotzdem noch vor die Aachener Fankurve gegangen.
Ich habe mich immer sehr verbunden gefühlt und irgendwann gewusst, dass ich auf jeden Fall wieder dorthin zurückkehre. Dass das jetzt schon mit 28 der Fall war, das hatte andere Gründe. Meine vielen Verletzungen zum Beispiel, die mich oft zurückgeworfen haben. Klar hätte ich gerne noch länger in der ersten Liga gespielt, aber so ist das im Profisport. Ich bin zufrieden mit meiner Karriere, es hätte durchaus schlechter laufen können. Schließlich war ich nie das Riesentalent, habe zwar in den U-Nationalmannschaften gespielt, war aber nie gesetzt und musste mir immer alles erkämpfen.
PT: Was war denn eher ausschlaggebend, der Verein oder die Heimat?
MD: Mir ist der Verein sehr wichtig! Ich habe damals zu einer sehr schweren Zeit in Aachen gespielt, nämlich als er fast Pleite war. Wir waren eine Truppe, die qualitativ nicht unbedingt berauschend war, beziehungsweise keine besondere Saison gespielt hat, aber wir haben für den Verein alles gegeben. Wir haben auf Gehalt verzichtet, was kaum jemand weiß, wir haben Geld gespendet und haben Geld gesammelt. Und wir haben den Abstieg vermeiden können. All das macht mich fast noch stolzer, als die Titel, die ich in meiner bisherigen Karriere erreicht habe (Double mit Bremen, Aufstieg mit Duisburg, Anm. d. Red.).
Denn damals haben wir hier etwas erreicht, wovon heute noch profitiert wird. Es wird immer vom UEFA-Cup gesprochen (Alemannia Aachen spielte nach dem Erreichen des DFB-Pokalfinals in der folgenden Saison im UEFA-Cup und scheiterte erst in der 3. Runde, Anm. d. Red.), das steht aber alles auf dem Fundament, das wir damals gelegt haben. Hätten wir damals die Klasse nicht gehalten, würde es Alemannia Aachen gar nicht mehr geben. Ich bin schon stolz, dass ich damals dabei war…
PT: Es ist eine Herzensangelegenheit…
MD: …weil ich ja auch damit aufgewachsen bin, hier in der Heimat, klar!
PT: Woran denkst du, wenn du von "Heimat" sprichst?
MD: Wie beispielsweise gestern Abend einen Anruf zu tätigen, und schon sitzen fünf Kumpels in einem portugiesischen Restaurant zusammen, essen eine Kleinigkeit, trinken ein Bier und schauen danach zusammen Fußball. In den Städten, in denen ich vorher berufsbedingt gelebt habe, fokussierte sich das zumeist nur auf die Mitspieler. Außerhalb gab es wenige Kontakte, zumindest wenige, die etwas tiefer gingen. Hier habe ich mit Leuten zu tun, die in der Kreisliga A spielen oder mit Leuten, die bis heute nicht die Abseitsregel verstehen.
PT: Das ist wahrscheinlich auch mal ganz angenehm…
MD: …ja natürlich! Hier zu Hause habe ich mit Leuten zu tun, die nicht nur den Fußball zum Thema haben, die ganz normalen Jobs nachgehen oder die Zahnmedizin studieren und ganz andere Sachen im Kopf haben. Es ist schön, sich auch mal über solche anderen Dinge zu unterhalten.
PT: Sind da auch noch Jugendfreunde dabei?
MD: Ja, ausschließlich. Der Kontakt ist nie abgebrochen, ich habe immer viele gute Freunde gehabt. Für die ich auch einiges auf mich nehmen würde. Und umgekehrt. Ich denke, man kann neben den ganzen sportlichen Erfolgen auch durchaus darauf stolz sein, Freunde zu haben, auf die immer noch Verlass ist, für die ich immer noch der Markus von früher bin und die einen schon vor Geld und Erfolg kannten. Als jüngerer Spieler denkt man da natürlich anders, da ist einem das Geld auch wichtig. Ich würde mir aber heutzutage beispielsweise nicht mehr das schweineteure Auto kaufen, sondern sehen, dass es in den finanziellen Rahmen passt, damit weder meine Frau noch meine Kinder auf etwas verzichten müssen.
PT: Die berufsbedingten Ortswechsel waren also für dich nie ein negativer Aspekt der Karriere?
MD: Ich würde auch heute noch sagen, dass es richtig war, mal wegzugehen, auch in so jungen Jahren. Eine Auswirkung war vielleicht, dass sich Jugendfreundschaften gefestigt haben. Meine Freunde haben mich oft besucht, waren immer da, wenn ich sie gebraucht habe. An meinen Geburtstagen sind sie nach Bremen gekommen oder auch nach Nürnberg gefahren. Trotz der Entfernungen habe ich immer ihre Zuneigung erfahren dürfen. Als ich nach Aachen zurückgekommen bin, haben sich alle gefreut. Und heute habe ich immer noch mit denselben Menschen zu tun. Das freut mich!
PT: Hast du die Ortswechsel immer mit deiner Frau besprochen und abgestimmt? Und angenommen, du würdest noch mal einen solchen Ortswechsel vollziehen wollen, besprichst du das jetzt auch mit deinen Kindern?
MD: Meine Kinder sind einfach noch zu klein, um ihre Meinung zu diesem Thema sagen zu können. Aber klar, mit meiner Frau spreche ich natürlich darüber. Ich beziehe sie in solche Entscheidungen ein, und wenn sie ein Problem hätte, würden wir das solange diskutieren, bis wir zu einer gemeinsamen Entscheidung kämen. Mittlerweile würde ich sowieso nichts mehr übers Knie brechen wollen…
PT: Ist das denn vorgekommen? Musstest du für deine Ziele bewust Dinge erzwingen bzw. andere Dinge aufgeben?
MD: Ich habe definitiv Opfer gebracht. Es gab schon Zeiten, in denen ich gezweifelt habe, ob sich das alles lohnt. Selbst für das viele Geld – lohnt es sich wirklich, Freundschaften über Jahre ruhen zu lassen oder macht etwas anderes nicht viel mehr Sinn? Doch bei jedem erneuten Nachdenken war das Fazit schließlich das gleiche: Du hast das Richtige getan! Die Freunde waren immer da oder haben auf mich gewartet. Von daher haben sich die Zweifel immer recht schnell erledigt.
Davon abgesehen denke ich, dass es kaum einen Fußballer gibt, gerade in unseren Gefilden der zweiten oder auch teilweise der ersten Liga, der nicht nach der Karriere noch irgendwas tun muss, um Geld zu verdienen. Die werden sich sicherlich alle zwischendurch mal die Frage gestellt haben, ob sie damals die richtige Entscheidung getroffen haben. Letztendlich kann man aber durchaus zufrieden sein, wenn man in der 1. oder 2. Bundesliga Profifußball gespielt hat. Insofern bekommt man ja auch etwas für die Opfer, die man dann aber auch gerne bringt.
PT: Du würdest deinen Kindern also auch einen ähnlichen Weg wie deinen empfehlen, wenn sie die Möglichkeit hätten?
MD: Wenn ich an heute Morgen denke, als ich mit ihnen noch gekuschelt habe, dann hätte ich schon Probleme damit, wenn beispielsweise mein Sohn schon mit 10 Jahren in ein Internat gehen wollte, wie es ja heute üblich wäre. Das muss ich nicht haben, ihn dann nur alle drei, vier Wochen zu sehen. Ich hoffe, dass auch die Alemannia irgendwann mal dahin kommt, dass Jugendspieler auch bei ihr weiter ausgebildet werden können. Das wäre mein Traum! Wenn dann mein Kleiner da auch eine Rolle spielen würde, dann habe ich damit gar kein Problem. (lacht) Ich hätte aber auch kein Problem damit, wenn er sich in der Schule ins Zeug hauen und einen gänzlich anderen Weg einschlagen würde. Das wichtigste ist doch, dass er da glücklich ist. Das bleibt absolut ihm überlassen; ich stehe ihm natürlich zur Seite und gebe Hilfestellung. Aber entscheiden möchten sie eh irgendwann alleine.
PT: Du magst den Umgang mit Kindern sehr. Und immer schon, wie ich erfahren habe. Du hast beispielsweise das Schulpraktikum in einem Kindergarten absolviert. Woher kommt das?
MD: Oh, ich weiß nicht. Ich habe immer gerne mit Kindern gespielt, auch noch in einem Alter, in dem die Kumpels schon im Park saßen und sich Bier reingehauen haben. Also so mit 16, 17. Währenddessen habe ich mit meiner damaligen Freundin auf mein jetziges Patenkind aufgepasst. Klar hatte ich auch mal keine Lust darauf und habe etwas anderes gemacht, aber über die Jahre bin ich immer dabei geblieben. Und das Schulpraktikum in einem Kindergarten zu machen, ist eine Lebenserfahrung, das kann ich nur jedem raten! Da passieren Sachen, die man selber als Heranwachsender gar nicht mitbekommt. Kinder können grausam sein, so sagt man, in punkto offene Meinungsäußerung zum Beispiel. Genauso war das im Kindergarten, da wurde sich dann etwa über Omas wegen ihres Alters lustig gemacht. Mir hat das damals gezeigt, dass man Kinder großziehen muss, dass sie Hilfe brauchen. Ohne irgendeine Erziehung kann kein Kind ordentlich ins Leben starten. Die zehn Tage damals haben mir echt viel gegeben. Eigentlich waren es drei Wochen, aber ich bin damals mit Bayer Leverkusen ins Trainingslager in die USA geflogen. Denn wo wir gerade von Verzichten gesprochen haben: klar war das super, mit Bayer in die USA zu fliegen, ich hätte aber das Praktikum auch sehr gerne zu Ende gemacht. Ganz ehrlich.
PT: Bist du ein religiöser Mensch?
MD: Hm… ja. Ich gehe nicht jeden Sonntag in die Kirche, aber ich glaube an etwas, von mir aus an einen Gott, der über unser Schicksal wacht oder über uns richtet. Das verbinde ich aber nicht automatisch mit der Institution Kirche, denn da sind schon ein paar Dinge, die mich stören. Gerade aktuell die Missbrauchsfälle. Damit kann ich nichts anfangen, wo es doch immer in der Kirche heißt, unser wertvollstes Gut seien die Kinder und die Liebe. Dass dann den Kindern statt Liebe Schläge verabreicht werden, passt nicht zusammen. Damit habe ich ein Problem. Aber gläubig bin ich in jedem Fall.
PT: Hat das in deinem Werdegang eine Rolle gespielt?
MD: Ja. In den Zeiten, in denen ich etwa wegen der Verletzungen nicht mehr konnte und mir die Sinnfrage gestellt habe, habe ich den Glauben schon so ein wenig vertieft, was mir dann auch geholfen hat.
PT: In solchen Tiefs hast du den Glauben nie verloren?
MD: Nein. Wann verliert man den Glauben? Hmm, wenn Menschen ihre eigenen Kinder beerdigen müssen… da verstehe ich schon, dass es schwer ist, zu glauben. Letztendlich setzt aber der Glaube doch genau da wieder an: mit der Beerdigung etwa oder mit Gebeten. Nein, ich war bisher nie in der Situation, dass ich gesagt habe, da ist nichts mehr, weil ich schlecht dastehe. Ich habe mir immer gesagt, dass so ein Tief dazugehört.
PT: Die Frage ist in Bezug auf Fußballer natürlich deshalb interessant, weil diese sich oft auf dem Platz bekreuzigen: bei Toren oder bevor sie den Rasen betreten. Haltung oder Mode?
MD: Puh. Also ich habe schon viele Situationen erlebt, in denen ich dachte, warum macht der das jetzt? Warum muss man nach einem Tor die Finger gen Himmel richten? Warum betet man nicht in der Kabine sondern macht das draußen, wo es jeder sieht? Weil das gut aussieht? Es ist schwer, ich kenne die Person nicht immer und weiß auch nicht, ob sie es ernst meint oder ob sie denkt, das sieht im Fernsehen gut aus. Letztendlich muss das jeder mit sich selbst klären. Ich für meinen Teil werde mich nie aus Showgründen bekreuzigen. Das finde ich lächerlich.
PT: Ärgert dich das? Fühlst du dich in deinem Glauben verletzt?
MD: Ach nein. Jeder muss das selbst entscheiden und damit klarkommen. Damit habe ich nichts zu tun. Den Glauben als Show zu präsentieren, ist nicht so mein Fall.
PT: Du hast eben schon mal kurz Zukunftsgedanken anklingen lassen. Nun musstest du dich ja leider mit teilweise schweren Verletzungen herumplagen. Gibt es denn vielleicht auch dadurch schon konkrete Vorstellungen, was deine Zukunft angeht?
MD: Hmm. Also so konkret, dass da irgendwas kurz vor dem Abschluss stünde, ist noch nichts. Es gibt diverse Angebote. Gerade wenn man Fußballer ist oder dann ja war, verfügt man über ein großes Netzwerk. Man trifft ja viele Leute und im Erfolgsfall auch wichtige Leute, die sich dann gerne mit dir präsentiert haben. Bleibt der Erfolg aus, entfernen sich 80% dieser Leute wieder. Wie dem auch sei, eine Idee ist, ins Spielermanagement zu gehen, eine andere, bei Alemannia Aachen zu bleiben. Ich mache derzeit ein Praktikum dort, und letzten Endes muss der Verein entscheiden, ob er mich braucht. Ich denke, jeder Verein kann froh sein, wenn er Leute aus den eigenen Reihen und sogar aus der Region hat, die Herzblut für den Verein haben. Ich arbeite sehr gerne für die Alemannia und ohne etwas dafür zu bekommen, das bin ich dem Verein auch schuldig: Er hat mir viel gegeben und schließlich auch den Einstieg geschenkt. Aber ich komme jetzt nicht auf Knien angerutscht und flehe darum, hier unbedingt arbeiten zu dürfen. Am liebsten möchte ich jetzt erstmal noch ein paar Jahre Fußball spielen.
PT: Aber du möchtest schon im Bereich Fußball bleiben?
MD: Ja, das wäre der Idealfall. Das ist einfach mein Leben. Ohne könnte ich nicht, glaube ich.
PT: Und andere Dinge zum Wohlfühlen?
MD: Meine Familie, meine Freunde und (überlegt kurz), wenn’s geht, schönes Wetter. Das ist alles, was ich brauche.
PT: Also materielle Dinge sind zweitrangig?
MD: Ich müsste lügen, wenn ich sage, ich könnte ohne mein Handy leben. Das fällt mir mittlerweile schon schwer… Das ist aber heutzutage so und hat nicht unbedingt etwas damit zu tun, dass man vielleicht materialistisch eingestellt ist. Vor 80 Jahren haben die Leute auch ohne Fernseher gelebt. Nimmt man heute den Fernseher weg, ist es bei 95% der Menschheit vorbei…
PT: Wenn man finanziell gut gestellt ist, sieht man das vielleicht noch mal ganz anders…?
MD: Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich gutes Geld verdiene. Im Gegenteil, ich sage, ich kann gut davon Leben. Es gibt Spieler, die verdienen natürlich noch mehr, haben dann aber auch wieder einen ganz anderen Lebensstandart. Ich denke, ich habe mir etwas Gutes aufgebaut, habe bestimmt auch viel Geld ausgegeben, auf der anderen Seite aber auch viel gespart. Dahinter steckt tatsächlich ein Plan, denn ich habe alles so angelegt, dass ich etappenweise etwas aus meinem Ersparten bekomme. Wenn ich also das Leben, wie ich es jetzt lebe, weiterführen kann, bin ich zufrieden. Ich spreche hier nicht von „Luxus pur“ sondern von einem ganz normalen Leben, in dem wir uns ab und zu etwas Luxus gönnen. Ich fahre nicht viermal im Jahr in den Urlaub, ich brauche nicht jedes halbe Jahr ein neues Auto. Ich bin zufrieden, so wie es ist!
PT: Wie wichtig ist denn Geld, wenn wir schon mal dabei sind?
MD: Wichtig ist es in der Hinsicht, dass man, wie ich als Familienvater, den Kindern etwas bieten kann. Dass sie ohne Existenzängste erzogen und ausgebildet werden können. Und zu einer schönen Kindheit gehört auch, dass man zu Weihnachten etwas schenken kann. Es gibt ja viele Familien, die Probleme haben, etwas unter den Weihnachtsbaum zu legen. Ich finde schade, dass es in unserer Gesellschaft soweit kommen kann, denn das ist ja nicht immer nur ein familiäres Problem sondern oft auch ein gesellschaftliches. Oder ein anderes Beispiel: Wie soll eine Frau Liebe an ihre Kinder weitergeben, die sie selbst von ihren Eltern nie erfahren hat? Geld ist also nicht alles. Aber es ist gut, wenn man sich ein paar Sachen leisten kann. Viele Fußballer könnten aber auch mit weniger Geld normal leben.
PT: Na ja, "normal leben" ist ja heutzutage für einen Profifußballer eher relativ. Für viele Außenstehende ist er ja Millionär und im Großen und Ganzen Allgemeingut. Übt das "gute Geld" nicht auch Druck aus?
MD: Tja, wenn ich einen normalen Zweitligaspieler nehme, der mit 20 zum ersten Mal gutes Geld verdient und bis 34 spielt, also insgesamt 14 Jahre aktiv ist und ihn mit einem normalen Arbeitnehmer vergleiche, der lange studiert hat und mit 28 in den Beruf einsteigt, um bis 65 zu arbeiten, dann sieht man den himmelweiten Unterschied zwischen den 14 und den 30, 40 Jahren.
PT: …wobei ja für den Spieler das Ganze bereits nach diesen 14 Jahren vorbei ist…
MD: …eben, sag ich ja. In diesem kleinen Zeitraum muss der Spieler eben versuchen, durch gute Leistungen und Gehälter etwas anzusparen, um sich danach entweder neu zu positionieren, ohne einen gewissen Druck, oder um davon leben zu können. Das ist auch das Problem von vielen Leuten, die gerne etwas mit dem Fußball zu tun hätten, jedoch letztlich keine Ahnung haben: Wenn ich lese, dass in der 2. Liga im Stadion „Ihr Scheiß-Millionäre“ gerufen wird, ist das für mich unverständlich. Die Zeiten sind längst vorbei, in denen so viel Geld bezahlt wurde, dass man davon den Rest seines Lebens leben konnte. Teilweise werden nämlich Gehälter gezahlt, wie in der normalen Marktwirtschaft. Es gibt Zweitligaspieler mit einem Gehalt, das andere im Controlling bei RWE verdienen.
Da muss einfach ein Umdenken stattfinden. Die Jungs haben einen Job, den sie so gut wie möglich zu erfüllen versuchen. In Deutschland scheinen Neid und Frust eine große Rolle zu spielen. Alle jammern auf hohem Niveau, wie schlecht es ihnen und wie gut es den Fußballern geht. Ich bringe da immer gerne folgendes Beispiel: Wenn mich jemand anspricht, der im Büro arbeitet, in einer Position mit Verantwortung und mir sagt, ich sei überbezahlt, spiele scheiße, könne nichts und verdiene zuviel Geld, dann sage ich ihm, du arbeitest von Montag bis Freitag, gehst nach Hause und wenn du einen Fehler gemacht hast, gibt es mal einen Rüffel. Ich habe nur diese 14 Jahre Zeit, bin am Wochenende immer weg und kann nach Fehlern, die ich gemacht habe, nicht mehr in Ruhe über die Strasse gehen, ohne beschimpft zu werden und werde noch in der Presse zerrissen. Deshalb verdient der Fußballer gut und erkauft sich quasi den Gegenwert zu der Tatsache, dass die Öffentlichkeit über ihn richtet, wie sie will. Daher ist das Gehalt in meinen Augen in den meisten Fällen gerechtfertigt.
Klar, acht Millionen Euro im Jahr sind niemals zu rechtfertigen, aber diese Summen kommen ja auch nicht mal so zustande, sondern weil der Fußball ein Massenspektakel ist. Wie gesagt, Frust und Neid in Deutschland. Ich finde, jeder wird geboren, genießt eine Erziehung und Ausbildung und kann damit machen, was er will. Hat er das Talent zum Fußballspielen, bitte, soll er. Hat einer Talent im Bereich IT, soll er sich da betätigen. Und wenn er sich anstrengt, gibt es auch dort die Möglichkeit eines guten Gehalts. Wenn er aber lieber mehr Freizeit haben möchte, hat er wahrscheinlich ein kleineres Gehalt, kann aber z.B. mit den Kumpels zum Kegeln fahren – ist doch vollkommen in Ordnung! Aber dem werfe ich ja dann auch nicht vor, er habe zu wenig getan.
PT: Ging die Kritik auch schon mal unter die Gürtellinie?
MD: Man hat ein Leben als Fußballer und man hat ein Privatleben. Ein Mark van Bommel ist wahrscheinlich der am meisten gehasste Spieler der Bundesliga, weil er so aggressiv auf dem Platz ist. Das macht ihn für viele Leute anscheinend auch privat zu einem aggressiven Menschen. Es wird immer so getan, als würde er nach dem Spiel, in dem er vielleicht zwei Leute über die Klinge hat springen lassen, duschen gehen und nach Hause fahren und unterwegs auch nochmal drei Leute verprügeln. Aber so ist es einfach nicht. Viele können das nicht trennen, und wenn man teilweise so Sachen über sich liest, was manche Leute da an Urteilen von sich geben, obwohl sie einen gar nicht kennen, dann kommt schon so ein bisschen Frust hoch.
PT: Liest du das denn? Also bekommst du das mit?
MD: Ich lese wenig Zeitung und bin selten in Foren unterwegs, aber man bekommt schon hier und da mal was mit. Ich finde es traurig, aber es ist halt so, ich kann damit umgehen, werde das aber auch immer anprangern und sagen, dass das der falsche Weg ist. In der Form gibt es das in anderen Ländern nicht. In England wirst du keinen finden, der dich beschimpft, weil du vielleicht eine Chance vergeben hast, da wird aufmunternd geklatscht und dann geht’s weiter.
PT: Der „Fall“ Paolo Guerrero hat in der letzten Saison Aufsehen erregt, als er einem Fan, der ihn zuvor aufs Übelste beschimpft hatte, eine Plastikflasche an den Kopf warf. Nachvollziehbar, dass einem Profi irgendwann mal der Kragen platzt und ein schimpfender Fan mal was zurückbekommt? Oder das Frank Rost sich hinstellt und sagt, da müsse man als maulender Fan auch mal damit rechnen, dass das nicht immer nur so hingenommen wird?
MD: Natürlich ist es blöd, jemandem eine Flasche ins Gesicht zu schmeißen. Das war ein Fehler von Paolo. Aber als Peruaner in der Bundesliga bist du weit weg von der Familie, du bist fremd in der Stadt und im Land und hast dir mühsam etwas aufgebaut und dann steht da einer und schreit: „Verpiss dich zurück nach Peru!“… da kann man schon mal ausflippen. Jetzt hat er auch noch das Pech, dass er aus fünfzehn Metern genau den Kopf trifft… Nein, ich will das nicht gutheißen, aber so ein Hauch von Verständnis ist schon da: Es ist teilweise unter aller Sau, was man da zu hören bekommt.
Jeder Spieler ist doch bereit, Kritik einzustecken. Gerade Fußballer sind doch so offen für Kritik, fahren zu Fanclubs und lassen sich dort teilweise beschimpfen und entschuldigen sich auch noch. Das würde ein normaler Arbeitnehmer gar nicht machen. Alles muss man sich nicht gefallen lassen, auch nicht als Fußballer.
PT: Jetzt der krasse Gegensatz – was bringt dich zum Lachen?
MD: Spontane Komik, lustige Sprüche. Meine Kinder natürlich. (überlegt) Kinder im Allgemeinen, die in ihrer kindlichen Sprache weise Sprüche und Lebensweisheiten kundtun. Und über den ein oder anderen Film oder eine Sendung kann ich auch lachen.
PT: Und über dich selbst?
MD: Ja, denke schon. Ich glaube, ich bin humorvoll, auch wenn es auf meine Kosten geht. Neulich habe ich eine F-Jugend Mannschaft trainiert, 7-jährige… (zögert kurz) also ich bin wirklich kein Topmodel, aber wenn da so ein kleiner Junge zu mir kommt und sagt, ey, du siehst ja aus wie Franck Ribery, dann konnte ich zwar kurz drüber lachen, habe aber im nächsten Moment gedacht, du kleiner Sack, na warte…! Also eine komplette Gesichtsbaustelle bin ich ja nun auch nicht! Wahrscheinlich hat er nur den Hinterkopf gemeint…
PT: Du trainierst ab und zu Jugendmannschaften und bist auch sonst mit viel sozialem Engagement unterwegs, richtig? Fühlt man sich als Profisportler dazu verpflichtet?
MD: Nein, ich spüre da keinen Druck. Für mich muss auch kein Milliardär sozial engagiert sein. Es sei denn, er macht es aus Überzeugung. Ich bewundere da einen Dietmar Hopp (SAP-Gründer und Mäzen der TSG Hoffenheim, Anm. d. Red.), der ist Milliardär und sozial engagiert. Aber der braucht keinen Bericht und kein Foto in der Presse, der engagiert sich auch so. Im Kleinen mache ich das genauso. Ich verfüge leider nicht über die Ressourcen eines Dietmar Hopp, aber ich habe mein Patenkind in Bangladesh, das ich seit Jahren unterstütze, ich engagiere mich im Förderverein der Mobilen Jugendarbeit in Eschweiler, weil ich selber von der Strasse komme und ich es gut finde, dass da ein alter Kollege von mir der Chef der Mobilen Jugendarbeit ist. Der macht da richtig tolle Sachen und bewegt auch was. Morgen gehe ich da beispielsweise hin, weil ich da an einem sehr interessanten und wichtigen Projekt gegen Rechts teilnehme. Ich engagiere mich also gerne für Dinge aus meiner Region und die mit Kindern oder Jugendlichen zu tun haben. Das muss nicht immer mit Geld zusammenhängen, aber wenn ich davon überzeugt bin, gebe ich auch gerne etwas.
PT: Kannst du da deine Vorbildfunktion nutzen, gerade bei solchen Jugendprojekten? Wird das angenommen?
MD: Selten. In Einzelfällen ja.
PT: Und trotzdem gehst du zu solchen Projekten…
MD: …ja, ich glaube, dass man jemanden wachrütteln kann, aber letztendlich muss der Impuls von den Kindern und Jugendlichen selbst kommen. Ich kann niemanden in einer Stunde von einer ganz anderen Weltanschauung überzeugen, ich kann nur darauf hinweisen und mit gutem Beispiel vorangehen. Heutzutage scheint es ja fast modern zu sein, rechte Anschauungen zu haben. Das gab es zu unserer Zeit nicht! Wir haben immer kunterbunt zusammen gehangen. Klar gab es mal Stress mit einem Ausländer, aber genauso mit einem Deutschen. Dann hat man den Streit entweder beigelegt oder sich eben ignoriert. Heute geht das sofort ins Politische. Da kommen 16-jährige und sagen, sie seien rechtsradikal. Das gab es früher nicht. Aber heute fangen die Parteien eben immer früher an mit der Rekrutierung. An Schulen, mit Flyern und CDs. Dann gehen sie in sozial schwache Bezirke und erzählen „denen da unten“ wer „schuld“ ist. Wie gesagt, ich werde in der kurzen Zeit leider niemanden bekehren können sondern kann nur versuchen, Alternativen aufzuzeigen.
PT: Vielen Dank für das Gespräch, Markus Daun!

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