
Auf dem Tisch ein Buch über Bälle und Kugeln und ihre Bedeutung im Laufe der Geschichte der Welt. Die äußerst zuvorkommende Bibliothekarin hat sich einen kleinen Scherz erlaubt. Darf sie, schließlich haben wir uns sehr wohl gefühlt in der altehrwürdigen Bibliothek des Aachener Suermondt-Ludwig Museums. Das lag aber ganz nebenbei auch an unserem Gesprächspartner. Daniel Adlung, 23, Fußballprofi, Deutscher Meister und Europameister, in einem sehr angenehmen Gespräch über Freundschaft, die gelegentliche Tiefe der eigentlich profanen Frage "Wie geht's?" und ein Tabu, an dem sich seiner Meinung nach nicht viel ändern wird.
playersTALK: Hallo Daniel Adlung! Schön, dass Du Dir für uns Zeit genommen hast.
Daniel Adlung: Gerne! Hallo!
PT: Immer wenn du gegen deinen Ex-Verein Fürth spielst, wo du sportlich groß geworden bist, kann man irgendwo etwas über deine Freundschaft zu Stephan Schröck lesen. Du bist jetzt schon etwas länger aus der Heimat weg, wie wichtig ist da so eine Freundschaft? Und was ist das Besondere daran?
DA: Mit ihm habe ich zusammengespielt seit wir beide fünfzehn waren. Wir haben gemeinsam alle Jugendmannschaften bis hoch zu den Profis durchlaufen. Wir haben also quasi alles gemeinsam unternommen, das verbindet schon sehr. Es gibt immer wieder Freundschaften im Fußball, da hält man dann auch den Kontakt. Bei Stephan Schröck und ist das noch mehr; er ist für mich wie ein Bruder, gehört zur Familie. Unser beider Eltern kennen sich auch schon lange und verstehen sich sehr gut. So eine Freundschaft ist schon wichtig.
PT: Wie ist denn sonst der Kontakt nach Hause?
DA: Alle meine Freunde, mit denen ich aufgewachsen bin, leben ja noch da. Meine Familie natürlich auch. Wenn ich mal länger als zwei Tage am Stück frei habe, fahre ich auch immer runter. Familie ist für mich sowieso das Wichtigste. Ich freue mich auch immer, wenn sie mich besuchen kommt, auch wenn wir eh täglich telefonieren.
PT: Im Internet habe ich einen alten Steckbrief von dir gefunden. In dem heißt es über deine Ziele im Leben, du möchtest gerne gesund bleiben und eine Familie gründen. Du sagst ja gerade, die Familie sei dir das Wichtigste. Was meinst du, woher kommt das?
DA: Ich bin in einer Familie aufgewachsen, die nicht übermäßig viel Geld hatte und nicht allzu oft etwas zusammen unternehmen konnte. Aber die Male, die wir dann zusammen verbringen konnten, haben uns umso mehr zusammengeschweißt, denke ich. Aus meiner Sicht war das gut für das Familiengefüge. Wir sind zusammengerückt und haben nicht so individuell gelebt, wie das vielleicht in einer anderen finanziellen Situation möglich gewesen wäre.
PT: Ich frage deshalb, weil in diesem Steckbrief noch solche Dinge standen wie Porsche oder Lamborghini als Traumautos oder der FC Barcelona als Traumverein. Also große sportliche Ziele und Träume, die man doch als so junger Sportler – und du warst ja noch jünger, als du den Steckbrief ausgefüllt hast (zum Zeitpunkt des Interviews ist Daniel Adlung 22 Jahre alt, Anm. d. Red.) – eben hat. Weltmeister werden, Champions League spielen und so weiter. Und dann so etwas „Vernünftiges“ wie Gesundheit und Familie…
DA: Na ja, natürlich arbeitet man auf solche sportlichen Ziele hin. Bei der kommenden WM (das Interview entstand vor der WM in Südafrika, Anm. d. Red.) spielen wahrscheinlich auch ein paar Spieler mit, mit denen ich Europameister geworden bin (Daniel Adlung wurde 2009 mit der U21 Europameister. Im Kader waren damals Spieler wie Sami Khedira, Manuel Neuer, Mesut Özil, Jérôme Boateng oder Marco Marin, Anm. d. Red.). Im Fußball kann das ganz schnell gehen. Da sollte man sich ruhig auch mal Ziele außerhalb des Sports setzen können. Der Sport ist mein Beruf, da arbeitet man sowieso zielgerichtet und will sich ständig verbessern. Qualität wird sich immer durchsetzen. Die sportlichen Ziele kann man erreichen.
PT: Auf derartige Ziele hast du dich ja recht früh eingeschossen. Sind da andere Dinge zu kurz gekommen?
DA: Man musste aufs weggehen am Wochenende verzichten. Das geht nicht, wenn man am nächsten Tag ein Spiel hat. Aber das lohnt sich. Wenn man hart arbeitet, kann man es zum Profi schaffen. Viele haben Talent, werden aber durch andere Dinge abgelenkt. Es gehört schon viel Disziplin dazu.
PT: Wie fokussiert man sich denn als Jugendlicher auf „Arbeit“ und „Disziplin“?
DA: Da kommt wieder das Umfeld ins Spiel. Wenn ich damals durchgedreht wäre, hätte mich meine Familie schon wieder auf den Boden geholt. Sie hat mir immer den Rücken gestärkt und mich unterstützt. Diese Hilfe braucht man einfach.
Als ich damals etwa die Ausbildung abgebrochen habe, weil ich mich zwischen ihr und dem Fußball entscheiden musste, hätte meine Mutter es schon lieber gesehen, dass ich meine Ausbildung zu Ende mache. Aber es war und ist das normalste der Welt, dass die Familie hinter einem steht und solche Entscheidungen mitträgt, was sie in meinem Fall auch getan hat.
PT: Hast du vor, diese Ausbildung nach der Karriere fertig zu machen? Oder hast etwas anderes zu erlernen? Oder denkt man im Moment noch gar nicht daran?
DA: Nein, im Moment denke ich nicht daran. Klar hat man als Fußballer nicht soviel Zeit, Geld zu verdienen. Mit 34, 35 musst du soweit sein, dass du sagen kannst, ich habe genügend auf die Seite gelegt und kann selbst entscheiden, wie es weitergeht. Das gilt es zu erreichen. Wenn das nicht funktioniert, was ich nicht hoffe, dann muss man sich natürlich rechtzeitig umschauen. Man muss sich absichern.
PT: Beim Stichwort Absichern reden wir jetzt davon, dass die Familie versorgt ist oder geht es beim Geld auch um Status?
DA: Wenn man Geld hat ist vieles einfacher, das ist eben so. Wenn ich eine Familie gründen und etwas aufbauen möchte, fühle ich mich wohler, wenn ich die finanziellen Mittel dazu habe. Wenn ich eben abgesichert bin. Aber Geld ist wirklich nicht alles. Man kann auch mit wenig Geld glücklich sein.
PT: Was brauchst du denn zum glücklich sein? In dem alten Steckbrief stand auch, dass du später gerne mal in Spanien leben würdest…
DA: Ja, ich bin sehr interessiert an anderen Kulturen. Das beschränkt sich jetzt nicht nur auf Spanien. Dieses Land hat mich deswegen gereizt, weil ich es nur vom Urlaub her kenne und ich mal etwas genauer hinschauen wollte. In anderen Kulturen gehen die Menschen Probleme und deren Lösungen anders an. Nicht immer so voller Druck wie in Deutschland. Und es funktioniert trotzdem. Das interessiert mich.
PT: Reist du denn viel, wenn du Zeit hast?
DA: Meistens bleibt mir nur der Sommer, da will ich nicht nur weg sein, sondern auch meine Geschwister und meine Freunde in der Heimat besuchen. Da bleibt nicht so viel Zeit zum Reisen. Ich bin dann so maximal zwei Wochen unterwegs und verbringe den Rest zu Hause.
PT: Wie viele Geschwister hast du?
DA: Drei Geschwister. Zwei Schwestern und einen Bruder.
PT: Und wo bist du dazwischen?
DA: Ich bin der zweite. Aber der heimliche Boss (lacht). Nee, Spaß, also eine ältere Schwester, dann komme ich und dann mein Bruder und noch ein kleine Schwester.
PT: Wie sehen die das, dass du so ein erfolgreicher Fußballprofi geworden bist?
DA: Allgemein ist meine Familie fußballverrückt. Bis auf meine ältere Schwester spielen alle. Die freuen sich natürlich und sind stolz, was mich umso mehr freut. Ich merke das immer, wenn sie mich anrufen und sagen, schick’ mal Autogrammkarten oder ein Trikot für meine Freunde. Gerade meine kleine Schwester, die ist jetzt fünfzehn und spielt immer noch Fußball mit Jungs, weil sie auch recht gut ist. Die genießt natürlich auch etwas Ansehen bei denen. Wenn ich etwa mal bei einem Spiel vorbei komme, ist sie richtig nervös vor ihren Freunden. Wobei mein Job für meine Geschwister mittlerweile wohl normal geworden ist.
PT: Glaubst du, dass du auch so ein Stück weit ein Vorbild für sie bist? In der Familie und vielleicht auch darüber hinaus, wenn du sagst, dass deine Schwester wegen dir auch ein gutes Standing hat?
DA: Bestimmt, ja. Der Verein, beispielsweise, in dem sie spielt, ist mein alter Heimatverein. Ich mag ihn und die Leute dort immer noch sehr und bin auch immer noch gern gesehen dort. Das finde ich gut. Mir ist es wichtig, dass ich da nicht irgendwie arrogant rüber komme, sondern gehe gerne mal wieder hin, trainiere bei den Kleinen mit oder so. Ich denke schon, dass man als Profi bei den jungen Kerlen oder Mädels eine Vorbildfunktion hat.
PT: Du warst 17, als du Profi wurdest und lebtest noch zu Hause. Jetzt bist du 22 und schon seit längerer Zeit weit weg. Fühlt man sich da trotz der Telefonate manchmal allein?
DA: Mit 17 habe ich noch zu Hause in Fürth gewohnt, ja. Aber ich bin recht früh mit meiner Freundin zusammengezogen, deshalb hatte ich auch immer jemanden. Mittlerweile ist das auseinandergegangen, weil es nicht mehr gepasst hat. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zueinander und telefonieren auch noch regelmäßig. Wenn ich Hilfe brauche, kann ich sie genauso anrufen, wie meine Eltern. Klar gibt es manchmal Situationen, in denen man gerne jemanden bei sich hätte. Aber ich weiß, dass ich Leute haben, die zu mir stehen. Außerdem bin ich jemand, der offen auf Leute zugehen kann, privat und auch innerhalb der Mannschaft. Ich bin immer mit Leuten unterwegs und zu Hause eigentlich nur zum Schlafen.
PT: Das Knüpfen von Freundschaften ist also kein Problem für dich, obwohl du relativ oft umziehen musst?
DA: Es ist auch wichtig, bei einem neuen Verein Freundschaften zu knüpfen, klar. Ich bin kein Einzelgänger, das kann ich gar nicht. Ich muss immer auf die Leute zugehen und merken, dass ich akzeptiert werde. Aber im Fußball ist das einfach, du bist jeden Tag mit den Kollegen zusammen und merkst schon, dass du dich mit dem einen besser verstehst und mit dem anderen außerhalb des Fußballs eher weniger zu tun hast. Das ist doch ganz normal. Als Fußballer hast du von daher keine Probleme, Menschen kennenzulernen.
Wenn dann jemand auch noch länger im Verein ist, kennt der wiederum mehr Leute außerhalb des Berufs, die du dann wieder kennenlernst. Dann gehst du mit denen etwas essen oder abends mal raus. So ergibt sich eigentlich immer etwas.
PT: Wo du gerade vom Essen sprichst, kochst du eigentlich selber?
DA: Ja, schon. Wenn ich mal Zeit und Lust habe, probiere ich ganz gerne mal was aus. Als ich noch mit meiner Ex-Freundin zusammen gewohnt habe, haben wir öfter gekocht. Das hat nicht immer geschmeckt, aber immer Spaß gemacht! Das ist auch so ein kultureller Aspekt, der mich anspricht: Wenn wir mit der Nationalmannschaft unterwegs waren, in Katar oder in der Türkei beispielsweise, habe ich auch immer einheimische Gewürze oder Zutaten zu guten Preisen gekauft. Hier zahlt man ja teilweise doppelt so viel… Ich koche nicht nach Rezept, sondern nach Gefühl. Auch beim Einkaufen geht das aus dem Bauch heraus.
PT: Musst du denn auf deine Ernährung streng achten? Im Alltag oder im Urlaub?
DA: Hier (in Aachen, Daniel Adlung war bis zum Ende der Saison 2009/10 von Wolfsburg an Alemannia Aachen ausgeliehen, Anm. d. Red.) ist das nicht ganz so streng wie in Wolfsburg. Da mussten wir zweimal am Tag auf die Waage. Wenn man da zu viel auf den Rippen hatte, musste man Strafe zahlen und das Ganze so schnell wie möglich runter bekommen. Hier wird einmal pro Woche gewogen, und wenn die Schwankungen da nicht allzu hoch sind, ist das auch in Ordnung. Davon abgesehen finde ich Ernährung natürlich sehr wichtig. Der Körper ist doch leistungsfähiger mit guter Ernährung als wenn man den ganzen Tag nur Dreck in sich rein stopfen würde. Natürlich gehört es auch dazu, dass man mal bei McDonald’s isst oder sich eine Pizza bestellt. Für mich geht es jedenfalls nicht ohne. Aber da muss man diszipliniert sein und wenn möglich auf Qualität achten.
PT: Was machst du sonst noch gerne?
DA: Ich bin gerne mit Freunden unterwegs, quatschen, Kaffee trinken. Ich surfe gerne im Internet, youtube, die Seiten von Fußballvereinen oder auch bei Wikipedia, wenn ich mal was wissen möchte. Mit dem iPhone ist man ja quasi immer online und kann so direkt nachschlagen, wenn im Gespräch mit den Kumpels mal eine Frage aufkommt. Oder besser: Streitigkeiten aufkommen (lacht). Und ich spiele gerne auf der Playstation oder höre Musik.
PT: Hast du eigentlich die Zeit, auf Konzerte zu gehen?
DA: Eher weniger. Wir können schlecht voraus planen, da die Trainingseinheiten von Woche zu Woche bekannt gegeben werden. Unter der Woche kann man da selten auf ein Konzert. Aber ich war schon auf verschiedenen Konzerten.
PT: Was ist denn für dich ein gutes Konzert, mal abgesehen von der Musik natürlich?
DA: Ich höre mir verschiedene Musikrichtungen an. Das wichtigste auf Konzerten ist für mich die Bühnenpräsenz. Eine gute Show gehört für mich einfach dazu. Was ich auf Konzerten wirklich cool finde, ist die Atmosphäre. Alle Leute wollen feiern und die Musik genießen. Es ist nicht wie in einem Club, wo es schon mal schnell zu Streitigkeiten kommt.
PT: Ich frage deshalb, weil diese Show und diese Präsenz ja auch ein großer Teil deines beruflichen Alltags sind. Merkst du das, dass die Leute dich manchmal völlig anders wahrnehmen, als du in Wirklichkeit bist?
DA: Na klar, die Leute haben gerade von Fußballern oft ein falsches Bild. Auf dem Platz hat man aber tatsächlich oft ein anderes Gesicht, als im Alltag. Deswegen muss man da differenzieren können. Es ist wichtig, dass die Leute nicht jeden über einen Kamm scheren, sondern vielleicht mal mehr erfahren über den Menschen.
Das baut natürlich auch einen gewissen Druck auf: Du kannst außerhalb des Platzes nicht tun und lassen, was du willst. Du bist eigentlich ständig unter Beobachtung. Sportlich und persönlich. Für mich persönlich ist der Druck vielleicht sogar eher positiv, wenn dann Menschen auf mich zukommen und mich ansprechen. Ich finde das interessant.
PT: Aber leider bleibt es ja nicht immer beim Ansprechen. Da wird auch schon mal gepöbelt, oder?
DA: Na ja, meist jedenfalls nicht unter der Gürtellinie. Aber Beleidigungen kommen einem schon mal entgegen geflogen. Die sind jetzt nicht so schön, aber meist noch im Rahmen. Wenn die Leute meinen, sie müssen dich jetzt beleidigen, beschimpfen oder sonst was, dann sollen sie das ruhig. Solange das nicht persönlich wird, geht es.
PT: Und das kratzt dich überhaupt nicht?
DA: Na gut, ich bin ein Typ, der schnell auf so was reagiert… ich muss mich da immer zusammenreißen. Mit der Zeit lernt man aber, damit umzugehen. Klar kommen immer Situationen, nach einem schlechten Spiel etwa, wo du beim Bäcker stehst und die Leute fragen dich, was wir da gestern wieder für eine Scheiße gebaut haben. Aber gut, das ist ihr Recht. Die Fans zahlen Eintritt und wollen natürlich Leistung sehen. Und wenn man die nicht erbringt, hat man als Fan das Recht, dich zu kritisieren. Sportlich und im Rahmen. Dann kann man sich wirklich auch mal unterhalten und auf die Kritik eingehen. Und schon wird ein Gespräch daraus und keine Beschimpfung mehr. Es gab aber auch Situationen, in denen ich persönlich beleidigt wurde. Das gehört sich nicht. Da werde ich sehr schnell sehr sauer.
PT: Wie reagieren denn die Leute, wenn du tatsächlich mal auf so eine sportliche Kritik mal antwortest? Also in ein Gespräch verwickelst. Sind die Leute dann überrascht?
DA: Meistens ist es ja so, dass dich niemand alleine anspricht. Oftmals kommen die Leute in der Gruppe und dann so ein Spruch. Und wenn du sie dann in ein normales Gespräch verwickelst, werden sie ganz anders, offener. Und äußern ihre Wünsche, Anregungen oder Probleme zu den Dingen, die aus Fansicht falsch laufen. Und ich kann dann auch mal meine Sicht erläutern und sagen, was ich denke, woran es liegt. Als Sportler bringen wir ja nicht absichtlich schlechte Leistungen. Wir ärgern uns selber ja auch. Aber es ist auch für mich schwieriger, mich gegen einen schwächeren Gegner zu motivieren, als gegen ein Team von der Tabellenspitze. Das ist eben so und liegt in der Natur des Menschen. Man unterschätzt sehr schnell, auch wenn man das selber gar nicht will. Das ist natürlich nur sehr schwer nach außen zu erklären. Aber wenn man das tatsächlich mal von Angesicht zu Angesicht macht, dann zeigen die Leute Verständnis.
PT: Ist das für dich ein Erfolgserlebnis oder eine Art Genugtuung, wenn du den Fans auch mal das andere Gesicht, von dem du eben gesprochen hast, von außerhalb des Platzes, dein wahres Bild zeigen kannst?
DA: Genugtuung nicht. Für mich ist es nur wichtig, dass die Leute wissen, woran es liegen könnte, wenn es mal schlecht läuft. Zugegeben, wenn man nicht selber tagtäglich da drin steckt, ist es manchmal schwer, Leistungsschwankungen nachzuvollziehen. Fans, die selber Fußball spielen oder Kinder haben, die im Verein sind, kritisieren z.B. oftmals auf andere Art und Weise, als Menschen, die nie selber aktiv waren. Da ist es wichtig, dass man den Kontakt sucht und seine Sichtweise darlegen kann.
PT: Ich kann mir vorstellen, dass nicht jeder so gut auf Leute zugehen kann wie du. Und dass auch nicht jeder Kritik so einfach wegsteckt…
DA: Das ist aber auch gerade das Interessante im Fußballgeschäft. Nicht jeder ist gleich. Manche sind nach einer Niederlage eine Woche lang am Boden zerstört, wenn sie dann auch noch schlecht gespielt haben. Natürlich bin auch ich enttäuscht nach einem schlechten Spiel, aber ich versuche, immer nach vorne zu schauen und dann in der Woche eben noch mehr Gas zu geben. Damit es im nächsten Spiel eben besser wird.
PT: Bist du grundsätzlich ein optimistischer Mensch?
DA: Ich bin sehr optimistisch! Ich sehe immer das Gute, das Positive. Bei negativer Stimmung versuche ich auch immer, das Ganze mit einem doofen Spruch wieder aufzuheitern. Ich mag es, wenn man locker ist und Spaß hat. Auf dem Platz und ganz wichtig auch außerhalb.
PT: Du hast eben schon erwähnt, dass du als Fußballprofi in der Öffentlichkeit nicht tun und lassen kannst, was du willst. Andererseits bietet der Beruf ja auch einige Freiheiten. Wo siehst du die da für dich?
DA: Die Arbeitszeiten! Andere Leute gehen morgens um sieben ins Büro und kommen abends um sechs nach Hause… bei uns ist das zwar auch harte Arbeit, aber immer „nur“ zwei Stunden. Und wenn man manchmal nur einmal am Tag Training hat, dann bleibt das bei den zwei Stunden und hat den Rest frei. Oder auch mal den ganzen Tag. Das muss man sich jeden Tag vor Augen halten, dass das schon eine angenehme Situation mit viel Freizeit ist. Von außen sieht das natürlich immer so aus, na ja, die spielen da ein bisschen Fußball, aber andererseits ist das eigentlich auch ein 24-Stunden-Job. Du musst auf dich achten, musst dich einschränken und ständig diszipliniert sein. Der Beruf hat Vor- und Nachteile.
PT: Tattoos sind ja eine recht persönliche Sache. Manche davon trägt man ja auch mit Stolz vor sich her. Von deinen sieht man ja auch Einiges. Ist das für dich auch so ein Teil der Freiheiten?
DA: Ja, so wie ich auf den Armen oder den Nacken hoch kann sich halt nicht jeder tätowieren lassen. Mein Bruder hätte zum Beispiel auch gerne Tattoos und hat mich gefragt, was ich meine, wo er sich tätowieren lassen sollte. Da musste ich ihm sagen, dass es natürlich bei ihm nicht so einfach ist, wenn er im Versicherungsbereich im Sommer ein kurzes Hemd anhat und jemandem eine Versicherung verkaufen will. Das ist einfach so, leider. Trotz der Modernität als Körperschmuck eilt dem Tattoo immer noch der Ruf von Knast und Rotlicht voraus. Gerade bei der älteren Generation, die das oft nicht so gerne sieht. Ich merke das bei mir selbst, wenn ich im Sommer mit den volltätowierten Armen in der Stadt sitze und von älteren Leuten mit einem bösen Blick bedacht werde. Aber in meiner Familie gab’s auch Ärger… mein Vater war sauer, meine Mutter hat zwei Wochen nicht mit mir geredet.
PT: Haben die Tattoos auch eine Bedeutung für dich oder geht es da mehr um Mode, Körperschmuck eben?
DA: Meine Tattoos haben alle eine Bedeutung…
PT: …die du jetzt nicht sagen musst…
DA: …(lacht) nee, nee, aber die haben alle mit meiner Familie zu tun und mit meiner Lebenseinstellung. Ich würde mir kein Tattoo stechen lassen, das keine Bedeutung hat. Deshalb trage ich sie, wie du eben sagtest, auch mit Stolz. Sie sind ein Teil von mir, deswegen zeige ich sie auch gerne. Die bösen Blicke lassen mich eigentlich unberührt.
PT: Du sagtest eben, du wirst ab und zu mal angesprochen und unterhältst dich dann auch schon mal mit den Leuten. Dabei geht es wahrscheinlich ja primär um Fußball, also deinen Beruf. Dein Spektrum ist aber doch viel größer. Gibt es etwas, das du wirklich mal gerne gefragt werden würdest? Etwas, von dem du weißt, dass es mindestens genauso wichtig ist, wie der Fußball…
DA: Ganz normale und simple Sachen: Wie geht’s? Wie fühlst du dich? Das wäre mal ganz nett. Also der rein menschliche Aspekt, ganz ohne Fußball. Bei Freunden ist das natürlich klar, aber bei Menschen, die von außerhalb auf dich zukommen und sich nur für das Sportliche interessieren und mich auch nur als Sportler kennen… Das kommt natürlich nicht sehr oft vor, dass ein Fremder dich anspricht und dich fragt, wie es dir geht und wie du dich fühlst.
PT: Das wäre doch wahrscheinlich auch zunächst mal seltsam, oder?
DA: Also ich wüsste nicht, wie ich damit umgehen würde. Ich meine, man kennt es ja nur so: Wenn dich jemand anspricht, kannst du davon ausgehen, dass er dich als Fußballer erkannt hat. Und dann wird man automatisch auch auf den Fußballer reduziert. Ist eine interessante Frage, ich wüsste nicht, wie ich reagieren würde, wenn mich ein Fremder nicht als Fußballer, sondern als Menschen ansprechen würde.
PT: Es gibt ja so eine Theorie, dass ein Fußballer in seiner aktiven Laufbahn oberflächlich ist. Er kommt ständig in neue Situationen, in neue Personenkreise, aber immer im ähnlichen Umfeld, dem Fußball eben. Das heißt, man muss immer bei Null beginnen, bewegt sich aber auch immer im gleichen Themenfeld. Das muss ja zwangsläufig oberflächlich werden, die gemeinsame Basis mit aber wechselnden Kollegen ist immer das gleiche Thema. Dass da nur selten engere tiefer gehende Freundschaften entstehen, ist klar. Ist das nicht unheimlich anstrengend? Ist deshalb auch die Familie so wichtig, wie wirklich viele sagen?
DA: Es ist wichtig, dass man differenzieren kann. Man muss sich eine gewisse Oberflächlichkeit schon zulegen, weil man nicht mit jedem über private Dinge sprechen und ans Eingemachte gehen kann. Die kennen dich ja gar nicht, wenn du irgendwo neu im Verein oder in der Stadt bist. Menschen, mit denen du aufgewachsen bist, denen öffnest du dich natürlich ganz anders. Da hat man einfach eine andere Basis.
Nach einiger Zeit lernst du deine Kollegen natürlich auch besser kennen und sprichst auch über private Dinge. Das ist aber immer etwas anderes, als solche gewachsenen Beziehungen.
PT: Hat man da nicht manchmal Angst, dass man sich zwar finanziell absichern konnte, das Menschliche aber durch diese Oberflächlichkeit im krassen Gegensatz dazu steht? Muss man sich menschlich auch absichern und der Oberflächlichkeit rechtzeitig entgegenwirken?
DA: Man muss sich in jedem Bereich weiterentwickeln. Das kommt aber automatisch, weil man immer wieder mal auf die Schnauze fällt. Da denkst du, du kennst da einen tollen Menschen, der dich dann plötzlich fallen lässt oder dich enttäuscht. Gerade im Profigeschäft gibt es so viele falsche Freunde… Wenn du am Ende deiner Karriere durch bist mit dem Fußball, siehst du, wer deine wahren Freunde sind. Ich weiß gar nicht, ob ich das mit 22 Jahren schon so sagen kann. Es gibt jedenfalls Menschen, denen würde ich durchaus nachtrauern, wenn ich jetzt merken würde, das war doch nicht so eine enge Verbundenheit, wie ich immer dachte. Das ist schwierig. Man entwickelt sich automatisch weiter, und ich glaube nicht, dass es mit 35 plötzlich diesen harten Schnitt geben würde und man sieht, huch, die sind alle weg. Außerdem hoffe ich, mit 35 meine eigene Familie und somit Menschen an meiner Seite zu haben, die schon während der Karriere zu mir gehalten haben und das dann auch noch tun. Wenn du diesen Rückhalt hast, kannst du dich auch problemlos in anderen Bereichen entwickeln und entfalten.
PT: Auch abseits des Platzes bewegt man sich doch als bekannter Sportler oft in einer falschen Welt, oder?
DA: Es gibt schon eine Menge Leute, die dir Honig um den Bart schmieren. Das erkennt man nicht immer. Und es ist wirklich sehr selten, dass jemand auf dich zukommt und sagt, he, ist nicht, mir ist egal, wer du bist. Vitamin B scheint manchmal wichtiger als zum Beispiel Geld zu sein. Deshalb gibt es wirklich wenige Einschränkungen. Ja, das ist oft eine falsche Welt, stimmt.
PT: Apropos Scheinwelt: Homosexualität im Fußball. Warum ist das so ein Tabu?
DA: Schwer zu sagen. Das ist im Fußball einfach ein no-go. Wenn man sich im Fußball outen würde, würde man kaputt gemacht. In England gab es ja Beispiele. Das war wie eine Hexenjagd. Das geht einfach nicht.
PT: Wer macht einen denn da kaputt? Die Fans? Die Kollegen?
DA: Alle. Auch innerhalb der Mannschaft, da bin ich sicher. Außerhalb des Sports hat keiner wirklich ein Problem mit Homosexualität… ich sehe natürlich lieber zwei Frauen als zwei Männer, aber ich habe nichts dagegen. Das hat mich ja auch nicht zu interessieren. Aber im Sport ist das ein heikles Thema. Ich habe das Gefühl, das wird sich im Fußball niemals ändern. In anderen Sportarten vielleicht, aber im Fußball… nein. Ich kann nicht sagen, woran das liegt. Ich meine, rein statistisch liest man ja immer wieder, jeder soundsovielte Spieler ist schwul, man hört immer wieder Gerüchte von dem und dem. Aber man gesteht sich das in seinem näheren Umfeld nicht ein. Ich kann nicht sagen, warum das immer noch so ist…
PT: Daniel Adlung, vielen Dank für das Gespräch!

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